KONFERENZ DER STÖRENDEN

Am 24. Oktober durfte ich im Rahmen der von der Gfk veranstalteten Konferenz der Störenden ein Rede halten. Hier zum nachlesen:

Unsere Gesellschaft ist geprägt von Leistungsdenken. Es beginnt im Kindergarten (je früher schulreif, desto stolzer die Eltern, 4jährige bekommen Kurse, um bei den Einstufungstests besser). Geht weiter in der Schule (wie, dein Kind geht nur in NMS?) und endet bei der Arbeit. Nur, wer funktioniert, ist brav. wenn du aber plötzlich nicht mehr funktionierst, wenn du aus irgendeinem Grund aus dieser Leistungsgesellschaft rausfällst, dann wirst du zum Bittsteller, dann bist du ein Störender!

Störe ich? Im ersten Moment vielleicht nicht. Kann mich ausdrücken, bin intelligent und laufe in halbswegs annehmbaren Klamotten herum. Bin keine, die auf den ersten Blick von anderen als Armutsbetroffene, als - unter Anführungszeichen - Schmarotzerin, als Asoziale bezeichnet und gemieden werden würde. Auch wenn asozial absolut kein tragbarer Begriff für Armutsbetroffene ist, so wird er leider viel zu oft verwendet. Oftmals hinter vorgehaltener Hand, immer öfter jedoch im öffentlichen Raum. Und dennoch störe ich. In erster Linie die harmonische, heile Alltagswelt. Dort will niemand Armut sehen. Genau dort jedoch spreche ich sie an.

Störe, wenn sich Menschen über die "Faulen" aufregen, die , anstatt sich eine Arbeit zu suchen, lieber den Elternverein um einen Zuschuss zum Skikurs der Kinder bitten.

Störe, wenn sich eben jene Eltern nicht mehr zur Veranstaltungen trauen, genau aus dem Wissen, wie über sie geredet und gedacht wird.

Störe, aber nicht nur in meiner Umgebung sondern auch im öffentlichen Raum, weil ich nicht einsehe, dass wir Armutsbetroffene beschämt werden, dass wir mittels Silencing ruhiggestellt werden sollten. Weil...Armut wird nicht gern gesehen. Wer will, findet immer Arbeit. Wer sich nur gut genug anstrengt und fleißig ist, kann nicht in Armut geraten.

Wer bin ich eigentlich, dass ich mir anmasse, über Armut, Beschämung und das Thema Stören zu sprechen?

Ich bin Mutter von vier Kindern, drei davon noch schulpflichtig. Verheiratet. Uns gings lange Zeit relativ gut. Nie reich, aber immer genug zum leben, die Miete war leicht bezahlt, es fehlte an nichts. Der Mann war selbständig, ich hauptsächlich zu hause bei den Kindern, nebenbei ein wenig gejobbt.

Bis zu einem Burnout. Krankenstand als Selbständiger? Noch dazu sowas langwieriges? Unmöglich. Er begann eine Arbeit als freier Dienstnehmer. Damals waren wir beide der Meinung, besser eine miese Arbeit als gar keine. Dieser Job hat uns dann jedoch ins richtige Desaster gestürzt.

Unregelmäßiges Einkommen, kein Anspruch auf Mindestsicherung. Und ich hab drei lange Jahre versucht, einen Job zu finden, der sich mit den Kindern vereinbaren lässt. Am Land ein ziemlich schwieriges Unterfangen. Armut war in dieser Zeit bei uns täglicher Begleiter. Bei Monatslöhnen von 1400 Euro in verdammt guten Monaten bis zu 800 Euro in den schlechten (und das waren die mehreren) geht es nicht mehr ums leben, sondern ums reine sichern der Wohnung und darum, ein Essen auf den Tisch stellen zu können. Vom leeren Kühlschrank über fehlende Winterschuhe für uns Erwachsene bis zur Sperre des Stroms wegen Rückstand. Von der allabendlichen Angst, was der nächste Tag bringen wird. Es waren drei Jahre ohne Perspektive, ohne Blick nach vorne. Und das, obwohl wir nie aufgegeben, sondern immer gekämpft haben. Wie es Menschen ergeht, die irgendwann verständlicherweise die Hoffnung verlieren, möchte ich mir gar nicht vorstellen

Anfang diesen Jahres begann es endlich, aufwärts zu gehen. Zwei geringfügige Jobs. Klingt gut, ist aber alles andere als optimal so ohne Pensions- und Arbeitslosenversicherung. Sicher, die akute Armut war besiegt, Miete, Lebensmittel und kleinere, überraschende Beiträge für die Schule waren kein Problem mehr. Sich selbst zu eine Arbeitslosenversicherung zu leisten, um im Notfall abgesichert zu sein, war aber immer noch nicht drin. (Inzwischen hat sich meine Jobsituation mehr als zum positiven verändert und wir liegen jetzt über der Armutsgefährdungsschwelle, was mich jedoch nicht abbringen wird, weiterhin gegen Armut und Beschämung aufzustehen)


Warum erzähle ich das alles? Weil Armut so viele Gesichter hat. Weil sie allzu oft auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Gewollt unsichtbar.

Aus Angst vor den Konsequenzen,

vor der Beschämung,

vor diesem "als störend" empfunden zu werden,

vor diesem "ich störe hier doch nur, bin ohnehin kein sogenannter Leistungsträger".

Aber sie ist da. Und fällt dann auf , wenn vermeintlich Selbstverständliches nicht mehr leistbar ist. Wenn die Sportwoche nicht zahlbar ist, wenn man bei Veranstaltungen fehlt, oder die Kinder am Wochenende nicht mit den Freunden ins Kino gehen lassen kann. Ab diesem Zeitpunkt stören wir die heile Welt so mancher Orte. Und genau für diese "nicht offensichtlich" Störenden bin ich laut. Denn sich zurückziehen, aus Angst, aus Scham, geht viel zu schnell.

Und dann wird aus Rückzug Isolation.

Und durch Isolation hat noch niemand den Weg aus der Armut geschafft.

Deswegen kämpfe ich gegen diese Isolation. Und für Störung. Für Sensibilisierung. Für Aufklärung.


Wie wirkt sich Armut aus, was bekommen wir zu hören?


Bist du störend, weil abseits der Norm, ausgeschlossen aus der sogenannten Leistungsgesellschaft, kommt der Punkt, an dem sich deine Umgebung von dir distanziert. Und du dich von ihr. Du musst Treffen absagen, weil Kaffeehausbesuche nicht mehr leistbar sind, du meidest Veranstaltungen aus dem selben Grund. Du ziehst dich zurück. Und deine Kinder? Geburtstagsfeiern werden ausgelassen, woher auch das Geld nehmen für die teilweise krassen Geschenke, die dir vorher auf einer Wunschliste bekanntgegeben werden? Wird leider inzwischen als normal angesehen. Sicher, es kann variieren. Fällt es in gewissen Stadtteilen absolut nicht auf, wenn dir für gewissen Dinge das Geld fehlt, so bist du 15 km weiter als arm und asozial abgestempelt.


Wie funktioniert Beschämung?


Beschämung ist eine mächtige soziale Waffe, um Menschen klein zu halten. Neben dem typischen "wer wirklich will kann alles schaffen" kommen dann noch gutgemeinte Ratschläge wie "müsst ihr halt mehr sparen, das haben andere auch geschafft!" oder "vielleicht solltest du mehr Bewerbungen schreiben" und " Reiß dich doch zusammen, musst halt stark sein". Andere geben mir vor, was ich zu tun und wie ich mich zu fühlen habe.


Wie ist es, als störend empfunden zu werden, was macht es mit dir?


Zu Beginn lähmt es dich, vor allem, wenn durch Armut und Scham dein Selbstwert schon beschädigt ist. Dir fehlen die "Argumente". Nicht, weil es keine gäbe, sondern weil du irgendwann selbst denkst, dass du als Versager kein Recht hättest, dich zu Wort zu melden.

Als störend wahrgenommen zu werden stellt dich vor zwei Möglichkeiten. Du ziehst dich zurück, lässt Beschämung über dich ergehen bzw vermeidest so gut es geht beschämende Situationen. Oder: du stehst dagegen auf! Klärst auf, wie Beschämung funktioniert. Stellst dich solchen Situationen und störst! Leider hat man oft durch den täglichen Kampf,durch Existenzängste einfach keine Kraft mehr und vor allem niemanden rund um sich, der dieses Stören anerkennt.


Welches Bild hat die Öffentlichkeit von uns und warum?


Wir Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, nicht oder nur begrenzt an dieser Leistungsgesellschaft teilnehmen, sind in den Augen der breiten Öffentlichkeit vor allem eins: Schmarotzer!

Faul, träge, ohne jegliche Disziplin. Wir passen einfach nicht in das Bild des braven, fleißig arbeitenden Österreichers. Denn wie schon oft heute erwähnt: Wer wirklich will, der kann!

In einem Land wie Ö will niemand wahrhaben, dass es neben der vermeintlich funktionierenden Gesellschaft immer mehr psychische Erkrankungen gibt, dass zu viele aufgrund fehlender Vereinbarkeit nicht oder nur prekär arbeiten und auch, dass viele Arbeitnehmer oftmals trotz guter Ausbildung nach Verlust des Arbeitsplatzes entweder nichts mehr finden oder in den Niedriglohnsektor abrutschen.

Diese Realität von abertausenden Menschen will man nicht wahrhaben, denn es zerstört den Glauben an dieses "das kann mir nicht passieren, denn ich bin doch fleißig".

Sorry to say: ja, es kann jeden von uns treffen!

Vor allem unter Türkisblau wurde das Hetzen gegen "Störende" massiv vorangetrieben. Mit Aussagen wie "soziale Hängematte", "fehlende Anreize" oder "Kinder müssen morgens alleine aufstehen" haben gewisse Politiker den Diskurs über all jene, die Unterstützung brauchen auf eine neue, menschenunwürdige Ebene gehoben. Alles aus reinstem Populismus. Wir (die Fleißigen, Steuer zahlenden) gegen Die (da unten, die nichts leisten und alles geschenkt bekommen). Und so manche Journalisten sind - ohne je einen tieferen Blick hinter die Kulissen von Armut zu wagen - brav auf diesen Zug aufgesprungen.


Was bedeutet Armut, gibt es in einem Land wie Ö, einem der reichsten Länder der Welt?


Armut bedeutet nicht sofort Obdachlosigkeit und ist oft erst auf den 2. Blick sichtbar. Sie hat zahlreiche Facetten, ist mehrdimensional. Vor allem Familien versuchen, ihren Kindern ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen. Sie fallen sozusagen erst dann störend auf, wenn sie mit den Anforderungen ihrer Umgebung nicht mehr mithalten können.

Armut in Ö bedeutet einen Mangel an Ressourcen, an Möglichkeiten zu haben! Sie zieht sich von Ernährung und Wohnen, über Gesundheit, Anerkennung, soziale Teilhabe bis hin zur Bildung. Was das bedeutet? Zum Beispiel sich und die Kinder nicht gesund ernähren zu können, nicht heizen oder unerwartete Ausgaben machen zu können.


Warum sollen wir stören?


Weil wir diesen Menschen, die am heutigen Tag noch isoliert sind, zurückgezogen leben, die sich nicht äußern trauen aus Scham, die stumm geworden sind aus Beschämung, zeigen müssen, dass wir viele sind und wir niemals akzeptieren dürfen, dass Menschen, die nicht nach dem gängigen Schema funktionieren, die von der sogenannten Norm abweichen beschämt oder stigmatisiert werden.


Wie bleiben/ werden wir störend? Oder anders formuliert: warum bin ich lieber störend als leise, zurückhaltend und angepasst, dankbar und demütig. Was kann jeder Einzelne tun, damit störende als,das wahrgenommen werden, was sie sind: Menschen!

Laut sein!

Sich so gut es geht nicht einschüchtern lassen.

Vernetzen.

Vor allem im Bereich von Armut gibt es inzwischen einige Initiativen, sowohl im realen Leben (Armutskonferenz, Plattform Sichtbar werden,) als auch in den Sozialen Medien ( #unten).

Ich war durch Armut und Scham komplett isoliert, bis ich begann, über das Leben als Betroffene zu reden, also eigentlich, zu schreiben. Anfangs noch anonym, aus Angst vor den Reaktionen meiner Umgebung. Mit der Zeit kam der Zuspruch. Und vor allem Anerkennung und Wertschätzung. Inzwischen spreche ich offen und mit Klarnamen darüber. Weil es eben rund um mich ein tolles Netzwerk an Freunden gibt.

Gleich, ob off- oder online: vernetzt euch, redet darüber, was euch stört, was euch auffällt. Und bleibt störend!


Der gängigen Meinung nach war ich jahrelang keine "Leistungsträgerin". Doch war ich das wirklich nie?

Als Mutter von vier Kindern, eins davon in ihren ersten Jahren intensiv pflegebedürftig und auch heute noch ein besonderes Kind, als Enkeltochter, die ihre demenzkranke Großmutter bei sich zuhause gepflegt hat.

Und da bin ich nur eine von vielen, die Angehörige pflegen oder die Betreuung übernehmen aufgrund fehlender Möglichkeiten. Wir sind keine Minderleister!

Einige werden denken, betrifft mich nicht. Doch. .denn so, wie wir mit den Schwächsten umgehen, nur so stark sind wir als Gesellschaft.