VON KINDERARMUT UND DER ANGST, DIE BLEIBT

Ich habe lange überlegt, ob ich über meine Armutserfahrung sprechen soll. Damit habe ich noch nicht einmal mit meinem Mann gesprochen, davon weiß nicht einmal er. Zu groß sind die Ängste und die Scham darüber, wie es mir ergangen ist und in welche Verzweiflungstat ich mich gedrängt sah. Aber ich habe gemerkt, wie sehr mich das immer noch beeinflusst, auch noch nach 45 Jahren.

Mein Vater hat den Krieg nur durch eine Verkettung von Wundern überlebt und kam querschnittgelähmt zurück. Somit konnte er auch nicht mehr arbeiten und nichts verdienen. Es hat lange gedauert, bis er eine kleine Versehrtenrente bekam. Meine Mutter hat die wachsende Familie von der kleinen Landwirtschaft ernährt, 2 Kühe, 1 Schwein, ein paar Hühner.

Sparen und Verzichten war die Devise und blieb es auch.

Ich war die Jüngste von 5 Kindern. Neue Sachen gab es für mich erst als ich bereits 14 war. Zuvor waren es die Hand-me-downs der wesentlich älteren Schwestern, und das waren schon geschenkte Sachen von Cousinen und Bekannten!

In der Volks- und Hauptschule war ich daher die ausgeschlossene, verspottete. Das tat weh. Meine Eltern konnten das nicht verstehen. Trost fand ich im Essen. Und wurde dann als "Fettsack" noch zusätzlich verspottet und von Lehrern sogar deswegen an den Pranger gestellt!

Ich war trotz allem gut in der Schule. Nach der Hauptschule sollte ich daher nicht ins Poli und danach als Hilfsarbeiterin in irgendeine Fabrik, sondern durfte weiter lernen. Das bedeutete aber - mangels öffentlicher Verkehrsmittel - dass ich in ein Internat kam. Dies war teuer, aber meine Eltern haben es mir ermöglicht.

Aber dort wurde es noch schlimmer: Viele der Mitschülerinnen hatten wohlhabende, manche sogar reiche Eltern, auch einige Prominente waren darunter. Und ich mit meinen zwar sauberen, aber altmodischen Sachen konnte da nirgendwo mithalten und war ausgeschlossen. Zähne zusammenbeißen war angesagt.

Dann kam der Schikurs. Ich hatte weder Schi noch Schuhe noch Schikleidung. Es gab auch keine Möglichkeit, etwas zu leihen (in der Hauptschule musste ich auch 2x auf Schikurs, damals mit der Ausrüstung vom Nachbarsohn geliehen). Diese Bredouille war "meine Schuld", warum hatte ich mit nicht mit einem Fabriksjob zufrieden gegeben! Ich sah mich in der Verantwortung, irgendwie aus dieser Nummer herauszukommen. Meine Eltern überließen es mir und erwarteten, dass ich eine Lösung finde, wie ich den Schikurs umgehen könnte.

Der Tag kam immer näher, und ich wurde immer verzweifelter. Wenige Tage vor der Abfahrt kam mir dann die Idee: Ich ging zum Arzt und behauptete, Bauchschmerzen zu haben. Er untersuchte mich lange - auch diese Art von Untersuchung war für mich als 15jährige ziemlich traumatisch. Er fand nichts eindeutiges, aber tat das, womit ich gerechnet hatte. Im Zweifel und um sicherzugehen, wies er mich ins Krankenhaus ein.

Ich kam ins Krankenhaus an dem Tag, an dem die anderen in den Schikurs fuhren. Zwei Stunden später wurde mir der (völlig gesunde) Blinddarm entfernt. Die Schmerzen nach dem Aufwachen habe ich nie vergessen, auch nicht die nächsten Tage in einem 8-Bett Zimmer mit 4 zusätzlich eingeschobenen Betten!

Ich hatte aus dem Gefühl heraus, an der prekärer finanziellen Situation Schuld zu tragen, meinen gesunden Körper aufschneiden lassen und musste mit Schmerzen, Angst und Scham allein fertig werden. Mit 15.

Im folgenden Jahr hätte ich wieder auf Schikurs fahren sollen. Da half mir aber die Natur, um das zu vermeiden: Schon Wochen vorher gab es in dieser Gegend zahlreiche Lawinen, es wurde gewarnt. Ich riet daher meinem Vater, schriftlich die Erlaubnis zur Teilnahme wegen Sicherheitsbedenken zu verweigern, was er tat. In der Folge taten dies auch die Eltern von 3 weiteren Mitschülerinnen und ich war "sicher".

Dieses Jahr war aber auch das Tanzschuljahr. Die ganze Klasse nahm am Tanzunterricht teil, die Internatsschülerinnen fuhren gemeinsam und in Begleitung einer Erzieherin ein mal pro Woche zum Tanzunterricht. Alle, außer mir. Der Kurs war für meine Eltern zu teuer, ich hätte außerdem Schuhe und entsprechende Kleidung gebraucht, das war nicht drin. Somit war ich erneut die Außenseiterin.

Tanzen habe ich nie gelernt. Auch nicht die dort beigebrachten Umgangsformen, wie man sich in Gesellschaft zu verhalten hat. Ich war daher immer sehr verunsichert und habe mich zu einem scheuen, introvertierten Menschen entwickelt, der immer an sich gezweifelt hat, immer mit dem Bewusstsein, jederzeit was falsch zu machen, nicht gut genug zu sein.

Das hat mich auch später gehindert, ein Studium erfolgreich zu beenden, ich war ständig von Ängsten und Sorgen geplagt, hatte keine Selbstsicherheit, keinen Selbstwert.

Was in der Folge meine Arbeitgeber weidlich ausgenützt haben; sie haben mir immer das Gefühl vermittelt, nicht gut genug zu sein. Und für weniger Bezahlung mehr Leistung erhalten als von den wesentlich höher bezahlten Kolleginnen!

Trotzdem habe ich es irgendwie geschafft, zu überleben. Habe Arbeit gefunden, später sogar alleine ein kleines Häuschen gebaut - das musste sein, ist allerdings eine andere Geschichte. Ich habe mir nie einen Urlaub geleistet, als ich eine Zeit lang arbeitslos wurde sogar manchmal gehungert! Bis heute scheue ich davor zurück, etwas für mich persönlich auszugeben.

Heute bin ich 60, ein Großteil meiner Kleidung ist 30! Ich habe Angst davor, alles, wofür ich gearbeitet und gespart habe wieder zu verlieren. Zahle noch immer den Kredit für das Haus ab - ist in etwa in gleicher Höhe wie die Miete einer Wohnung. Und obwohl ich inzwischen verheiratet bin und auch mein Mann arbeitet lebe ich immer noch in der Angst, dass wir beide das Erarbeitete und Ersparte verlieren und eines Tages dennoch wieder ums tägliche Überleben kämpfen müssen. Und ich lebe in dem Empfinden, dass ich allein dafür verantwortlich bin. Immer noch! Das ist mein "Erbe" aus der Zeit der Armut als Kind, das werde ich nie wieder los, das wird mich bis an mein Grab verfolgen!