WAS IST ARMUT

In den letzten Monaten gibt es zwar eine Reihe von Artikeln, Dokus oder Sendungen zum Thema Armut. Doch eins gibt es selten bis nie: eine gute Berichterstattung auf Augenhöhe. Vorurteilsfrei. Hätte ich Armut nicht selbst durchlebt und würde mein Wissen darüber rein aus den Berichten beziehen, wäre Armut....

...die schimmlige, chaotische, vollgestopfte Wohnung mit den alten, auseinander fallenden Möbeln

...die Mutter von vier Kindern, die keinen einzigen fehlerfreien Satz im Bewerbungsschreiben hin bekommt

...der dosenbiertrinkende, über Migranten schimpfenden Typ neben dem Kiosk, dem alle anderen die Jobs wegnehmen


An diesem Punkt muss ich euch enttäuschen! Denn Armut KANN...

...die schimmlige Wohnung sein. Weil eben Armutsbetroffene keine Wahl haben. Aber ob chaotisch oder nicht, vollgeräumt oder nicht, hat nichts mit Armut zu tun! Du kannst in Armut leben und dennoch halbwegs schöne Möbel haben ("bei dir sieht es gar nicht aus, als wärst du arm"), deine Wohnung kann tiptop aufgeräumt sein. Du kannst jedoch genauso gut verdienen und zuhause im Chaos versinken (oder dir eine Reinigungskraft leisten). Überforderung und/oder eine Erkrankung sind kein Alleinstellungsmerkmal von Armut. Doch über uns schwebt dieses Vorurteil. Weil es einfach ist. Arm = faul = ohne Disziplin. Und Medien spielen brav mit.


...die Mutter mit absolut miesen Rechtschreibkenntnissen sein. Armut kann eine geringe Bildung bedeuten. Armut kann aber auch die kluge, gebildete Nachbarin sein, die aufgrund der Arbeitsmarktsituation ihren Job verloren und nach langer, erfolgloser Suche, weil vielleicht auch schon 50+, im Niedrigstlohnsektor zu arbeiten begonnen hat. Armut ist nicht gleichbedeutend mit geringer Bildung. Doch dieses Vorurteil hat sich verfestigt. Arm = schlechte Bildung. Und die Medien spielen brav mit.


...der dosenbiertrinkende Typ sein, der Migranten die Schuld an seiner Arbeitslosigkeit gibt. Doch dieser Mensch ist ganz einfach ein nach Ausreden suchender, sich in der Opferrolle suhlender Rassist. Armut ist nicht dosenbiertrinkend und schimpfend. Ein Großteil der Betroffenen sind Kinder. Andere versuchen ihr Glück in prekären Jobs und hetzen zwischen Beruf und Vereinbarkeit hin und her. Doch auch das Vorurteil hat sich über uns ausgebreitet wie der Nebel im Herbst. Und die Medien spielen brav mit. 


Guter Journalismus nährt sich nicht an Vorurteilen. Erzielt keine guten Quoten mit Schicksalen und Stigmata. Guter Journalismus sollte das Thema Armut in seinem ganzen Ausmaß erfassen. Auf Augenhöhe. Wertschätzend. Mit Fakten unterlegt. Armutsbetroffene haben keine Lobby. Umso wichtiger wäre, dass Medien vorurteilsfrei das Bild von Armut vermitteln, das es wirklich ist: so vielfältig wie die Menschheit selbst.